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Beständeübersicht

Bestand

12724 Nachlass Nahida Ruth Lazarus-Remy

Datierung1849 - 1873
Benutzung im Hauptstaatsarchiv Dresden
Umfang (nur lfm)0,10
Findbucheinleitung



Nahida Ruth Lazarus wurde am 3. Februar 1849 als uneheliches Kind der Schriftstellerin Nahida Sturmhoefel (1822-1889; Pseydonym St. Hadian) in Berlin geboren und im November desselben Jahres in der dortigen evangelischen St. Matthäus Gemeinde auf die Namen Naide Adelheid Anna Maria getauft. Der Vater des Kindes war vermutlich Dr. Max Schasler (1819-1903), ein bekannter Kunsthistoriker aus dem westpreußischen Deutsch-Crone, der 1849 aufgrund seiner Aktivitäten während der Berliner Märzrevolution aus der Stadt ausgewiesen wurde, in die er wenige Jahre später wieder zurückkehrte. Zu seiner Tochter hatte er allem Anschein nach keinerlei Kontakt. Nahida Sturmhoefel jun. wuchs zunächst bei einer Tante der Mutter in Flatow/Westpreußen auf, bevor sie noch als Kind gemeinsam mit der Mutter nach Paris aufbrach und dann nach Nizza, Marseille, Nord- und Süditalien sowie Sizilien weiterreiste. 1863 kehrten Mutter und Tochter nach Deutschland zurück. Nahida jun. verblieb zunächst wiederum bei der Großtante, wurde bald darauf aber von der Mutter zu ihrer Unterstützung nach Berlin geholt. Es war die Mutter, die mit ihrer Tochter ein Theaterrepertoir einstudierte und sie dann als sehr junges Mädchen an unterschiedliche Theater in ganz Deutschland vermittelte. Nahida Sturmhoefel jun. entkam der Vormundschaft der Mutter durch ihre Heirat mit Dr. Max Remy (1839-1881), einem Journalisten der "Vossischen Zeitung" und Kollegen Theodor Fontanes. Wie Fontane entstammte Remy einer hugenottischen Familie. Nahida Sturmhoefel jun. und Max Remy wurden 1873 in der reformierten Kirche in Dresden getraut. Die Ehe dauerte bis zum Tod von Max Remy im Jahr 1881. Bereits als Zwanzigjährige hatte Nahida Sturmhoefel jun. mit dem Schreiben begonnen und 1870 ihr erstes literarisches Werk veröffentlicht, das Lustspiel "Rechnung ohne den Wirt". Während der langen Krankheit von Max Remy übernahm sie zunehmend auch dessen Aufgaben als Theaterkritiker und Rezensent der "Vossischen Zeitung". Zur selben Zeit schrieb sie Theaterstücke. Um als Witwe die Zeit für ein größeres Werk zu haben, bemühte sie sich 1882 um die Unterstützung der Schillerstiftung. In diesem Zusammenhang lernte sie Moritz Lazarus (1824-1903) kennen, der in der Berliner Zweigstelle der Schillerstiftung tätig war. Seit 1884 bestand zwischen Nahida Remy und Moritz Lazarus eine Liebesbeziehung, die platonisch blieb, auch, weil Lazarus zu diesem Zeitpunkt noch verheiratet war. Moritz Lazarus gehörte zur intellektuellen Elite Berlins. Gemeinsam mit Chajim Steinthal (1823-1899) war er der Begründer der Völkerpsychologie. Beide gaben seit 1859 die "Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaften" heraus. Moritz Lazarus lehrte seit 1868 an der Berliner Kriegsakademie, seit 1873 als "ordentlicher Honorarprofessor" an der Friedrich Wilhelm Universität. Moritz Lazarus war befreundet mit vielen bedeutenden Künstlern und Wissenschaftlern. Er engagierte sich innerhalb der jüdischen Gemeinde Berlins, hatte eine herausragende Rolle im Berliner Antisemitismusstreit (1889/90), beteiligte sich führend an der Gründung der "Hochschule für die Wissenschaft des Judentums" 1870 in Berlin und war in vielen wissenschaftlichen und künstlerischen Vereinen aktiv. Unter dem Einfluss von Moritz Lazarus lernte Nahida Remy in den 1880er Jahren hebräisch. Durch seine Vermittlung bekam sie den Auftrag für ihr bekanntestes Buch, das "Jüdische Weib", das mehrere Auflagen erlebte und in mehrere Sprachen übersetzt wurde, u.a. ins Hebräische. Mit Beginn der 1890er Jahre begann Nahida Remy eine ausgeprägte Vortragstätigkeit, die sie in viele deutsche Städte und auch ins Ausland führte. Ihre belletristische Arbeit hatte sie zu diesem Zeitpunkt aufgegeben. Stattdessen schrieb sie kulturgeschichtliche Studien über das Judentum, über die sie in Erinnerung geblieben ist. 1894 starb Sarah Lebenheim, die Ehefrau von Moritz Lazarus. Nahida Remy konvertierte auf Bitten von Moritz Lazarus zum Judentum und nahm den Namen "Ruth" an. Sie und Moritz Lazarus heirateten 1895 in Freiburg i.Br. Da die Familie von Moritz Lazarus Nahida Ruth Lazarus nicht akzeptierte, beschloss das Ehepaar den Umzug nach Meran, wo sie seit 1896 lebten. Hier kaufte Moritz Lazarus um 1900 ein Haus in Untermais, das er "Villa Ruth" nannte. Er starb 1903. Nahida Ruth Lazarus widmete sich in der Folge der Drucklegung von "Moritz Lazarus' Lebenserinnerungen" (1906). Sie veröffentliche 1913 "Aus meiner Jugend. Autobiographie von M. Lazarus" (1913) und gab aus dem Nachlass die Lazarus Schrift "Die Erneuerung des Judentums. Ein Aufruf" (1909) heraus. Sie initiierte 1910 eine "Nahida und Moritz Lazarus Stiftung" im Meraner Museum, stiftete dazu außer einem kleinen Kapital zahlreiche Dokumente sowie ein Lenbachporträt von Moritz Lazarus. Als sie in den zwanziger Jahren in finanzielle Not geriet, war sie gezwungen, diese Gegenstände zurückzufordern. Sie musste auch die "Villa Ruth" verkaufen, bezog zunächst in ein anderes Haus in Meran (Villa Schlettheim), dann ein Hotel (Hotel Pension Royal), bevor sie sehr verarmt am 13. Januar 1928 in Meran starb. Ihr Grabstein – mit falschem Sterbedatum (12. Januar 1928) – steht auf dem Meraner jüdischen Friedhof.



Werke von Nahida Sturmhoefel (Nahida Remy, Nahida Ruth Lazarus):

Die Rechnung ohne Wirt (Lustspiel 1870)

Wo die Orangen blühen (Roman 1872)

Konstanze (Drama 1879)

Grafen Eckardstein (Drama 1880)

Schicksalswege (Lustspiel 1880)

Domenico (Schauspiel, o.J.)

Nationale Gegensätze (Drama 1884)

Sizilianische Novellen (1885)

Liebeszauber (Drama 1887)

Geheime Gewalten (Roman, 2 Bde. 1890)

Kulturstudien über das Judentum (1893)

Das jüdische Weib (1. Aufl. 1891, 3. Aufl. 1892, 4. Aufl. 1922)

Humanität im Judentum (1894)

Das Gebet in Bibel und Talmut (1895)

Ich suchte Dich (autobiographische Erzählung 1898)

M. Lazarus' Lebenserinnerungen (1906)

Meine Bildersammlung (1912)

Tiroler Thierschutzkalender (1914)



Werke über Nahida Ruth Lazarus:

Alan T. Levenson: An Adventure in Otherness: Nahida Remy – Ruth Lazarus (1849-1928). In: Rudavsky, T. M. (Hg.): Gender and Judaism. The Transformation of Tradition. New York & London: New York University Press, S. 99-111.



Bettina Kratz-Ritter: Konversion als Antwort auf den Berliner Antisemitismusstreit? Nahida Ruth Lazarus und ihr Weg zum Judentum. In: Zeitschrift für Religion in Geschichte und Gegenwart, Jg. 46 (1/1994), S. 15-30.

Dagmar Reese: Nahida Ruth Lazarus: Über die Konstruktion einer jüdischen Identität. In: Elke-Vera Kotowski/ Irene Dieckmann: Geliebter Feind – Gehasster Freund. Philosemitismus in Geschichte und Gegenwart. Hildesheim 2007: Georg Olms Verlag (im Erscheinen). Im Nachlass befinden sich die Originalhandschriften und 2 Durchschriften des maschinegeschriebenen Manuskriptes zu den im Jahre 1906 erschienen "Lebenserinnerungen", bearbeitet von Nahida Lazarus und Alfred Leicht (mit einem Titelbild) im Berliner Verlag, Georg Reimer.

Neben den "Erinnerungen" wurden auf ihre Initiative und unter ihrer Mitarbeit auch Werke von Lazarus herausgegeben.

Den Lebenslauf und die Aufstellung der Literatur verdanken wir Frau Dr. Dagmar Reese von der Universität Potsdam.
Neue Deutsche Biographie. Bd. 14. Berlin, 1985, S. 12

Kürschners Literatur-Kalender 1930, S. 1513. - Nekrolog
Autobiographie.
Die Schriftstellerin und Schauspielerin Nahida Ruth Lazarus-Remy, geb. Sturmhöfel, lebte von 1849 bis 1928. Sie war Mitarbeiterin ihres Ehemanns Prof. Moritz Lazarus, des Mitbegründers der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin.
  • 2007 | Findbuch / elektronisches Findmittel
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