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Beständeübersicht

Bestand

20047 Landesheilanstalt Altscherbitz

Datierung1873 - 1955
Benutzung im Staatsarchiv Leipzig
Umfang (nur lfm)34,64
Geschichte der Landesheilanstalt Altscherbitz

Die Provinzial-Irrenanstalt Altscherbitz wurde 1876 auf dem ehemaligen Rittergut Altscherbitz als Landesanstalt der preußischen Provinz Sachsen gegründet. Bis zum Jahre 1885 wurde die Anstalt durch Ankauf von Flächen nördlich der Landstraße Leipzig – Halle bis auf eine Kapazität von ca. 1300 Betten erweitert. Sie bildete damit neben der älteren Landesheilanstalt Nietleben (1844 eröffnet, 960 Betten) die größte Einrichtung für psychisch kranke und geistig behinderte Menschen im Bereich der Stadt Halle (Saale) und ihrer Umgebung.[01] 1907 erfolgte die Umbenennung in Landesheil- und Pflegeanstalt Altscherbitz, 1923 in Landesheilanstalt Altscherbitz. Sie unterstand stets dem preußischen Regierungspräsidenten in Merseburg. Die Anstalt entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einer kleinen selbstständigen Siedlung mit eigener Kirche, Friedhof, Wasserwerk und Dienstwohnungen. Seit 1910 hielt auch die Straßenbahnlinie Leipzig – Schkeuditz direkt vor dem Eingangstor. Die Bezeichnung "Landesheilanstalt Altscherbitz" blieb auch erhalten, als der Ort 1929 nach Schkeuditz eingemeindet wurde.

In den frühen 1920er Jahren etablierte sich Eugenik als Studienfach an der Universität Halle (Saale).[02] Die Stadt wurde damit ein Zentrum der Vererbungslehre und Rassenhygiene. Grundannahme war nicht nur die angebliche Existenz höher- und minderwertiger Rassen, sondern auch höher- und minderwertiger Menschen im eigenen Volk. Geistig behinderte und psychisch kranke Menschen wie die Patienten von Altscherbitz zählte man nach dieser Auffassung von vornherein zu den Minderwertigen. Das pseudowissenschaftliche medizinische Gedankengut, welches von Lehrstühlen in der Weimarer Republik entwickelt und verbreitet wurde, machten sich die Nationalsozialisten nach 1933 zueigen.

Zunächst wurden staatliche Zuwendungen zurück gefahren und erste Heil- und Pflegeanstalten geschlossen. So erfolgte zum 1. Juli 1935 die Räumung der Landesheilanstalt Nietleben bei Halle, die man zu einer Kaserne der Luftwaffe umfunktionierte. Während etwa die Hälfte der Patienten ins weit entfernte Kreuzburg (Oberschlesien) verlegt wurde, musste die Landesheilanstalt Altscherbitz mit 322 Patienten etwa ein Drittel des Nietlebener Krankenbestandes aufnehmen.[03] Die Überbelegung wurde ab 1940 zur Regel, als hunderte Patienten aus anderen Heil- und Pflegeanstalten, v. a. aus dem Rheinland und Ostpreußen, hier untergebracht wurden. In dieser Zeit begann das sogenannte "Euthanasie-Programm", zu welchem eine handschriftliche Ermächtigung Hitlers vom 1. September 1939 den beteiligten Ärzten der "Aktion T4"[04] genügte. Für viele Menschen aus den Sammeltransporten war Altscherbitz "Zwischenanstalt". Wer hier keine nützliche Arbeit verrichten konnte, wurde weiter nach Brandenburg-Görden oder Bernburg verbracht, wo 1940/41 die Ermordung von 1 864 Altscherbitzer Patienten in Gaskammern mit anschließender Einäscherung geschah.[05]

Nach Protesten der Kirchen wurden die Vergasungen behinderter Menschen im Sommer 1941 eingestellt. Das bedeutete jedoch nicht das Ende, sondern die Verlagerung der "Euthanasie" in die Zwischenanstalten. Auch in Altscherbitz stieg die Todesrate mittels überdosierter Medikamente, gekürzter Essensrationen und aufgrund mangelnder hygienischer Versorgung. Schätzungen zufolge sind mindestens 1 400 von 2 862 Todesfällen zwischen 1939 und 1945 auf unnatürliche Weise herbeigeführt worden.[06] Hinzu kam, dass von 1942 bis 1945 653 Altscherbitzer Patienten in sogenannte Sterbeanstalten wie Pfafferode oder Meseritz-Obrawalde abtransportiert wurden.[07] Die frei werdenden Plätze füllte man sofort mit Patienten anderer Heil- und Pflegeanstalten auf. Deren freigezogene Gebäude wurden im Luftkrieg dringend benötigt, um Raum für Lazarette und Ersatz für zerstörte Krankenhäuser zu erhalten.

Nach Kriegsende musste die Landesheilanstalt auch zahlreiche psychisch erkrankte und ältere Menschen aufnehmen, die als Flüchtlinge in die Region Halle gekommen waren. 1945/46 folgte die Entlassung von Pflegern und Ärzten, die Mitglieder der NSDAP gewesen waren.

Nach 1949 erfolgte die Umbildung der Einrichtung zum Krankenhaus für Psychiatrie, das seit 1952 zum Bezirk Leipzig gehörte. 1953 wurde das ehemalige Rittergut südlich der Leipziger Straße endgültig vom Krankenhausbetrieb getrennt, 1966 erhielt die Einrichtung den Status eines Fachkrankenhauses für Neurologie und Psychiatrie.




Bestandsgeschichte und -bearbeitung

Der Bestand 20047 Landesheilanstalt Altscherbitz (1873 – 1955) gelangte zwischen 1988 und 2013 in mehreren Abgaben in das Staatsarchiv Leipzig. Er enthielt vorwiegend Personal- und Patientenakten.

Für den laufenden Krankenhausbetrieb wurde nach 1955 die Ablage der Krankenakten verändert. Mit dem Grenzjahr 1955 ist eine klare Trennung vom Nachfolgebestand 22009 Krankenhaus Altscherbitz (1956 – 1990) erfolgt.

Die Verzeichnung begann im Jahre 2010 mit den Personalakten. In mehreren Verzeichnungsetappen schlossen sich im Jahre 2013 und 2014 die Patientenakten an. Die Intensität der Erschließung und die Festlegung der Verzeichnungsmethoden wurden nach einem einheitlichen Bearbeitungsplan vorgenommen.

Der Bestand umfasste nach Abschluss der Erschließungsarbeiten im Jahr 2014 ca. 24,4 lfm in 9580 Akteneinheiten.

Alle in den Akten vorkommenden Personal- und Patientennamen wurden unter Verwendung des Personenindex im Verzeichnungsprogramms AUGIAS indiziert.

2022 konnten vom Sächsischen Krankenhaus Altscherbitz die Patientenkartei, Namensverzeichnisse, Zu- und Abgangsbücher sowie weitere Verzeichnisse zu Patienten übernommen werden. Diese wurden provenienzgerecht den entsprechenden Beständen zugewiesen. Der Bestand 20047 erhielt 91 Verzeichnungseinheiten aus dem Zeitraum 1877 bis 1955, welche zeitnah erschlossen wurden.




Überlieferungsschwerpunkte

Der Bestand 20047 Landesheilanstalt Altscherbitz enthält nur Personal- und Patientenunterlagen aus dem Zeitraum 1873 bis 1955.

Den größten Teil der Überlieferung bilden die Patientenakten (9162 Akteneinheiten). Trotz dieser großen Zahl ist der Bestand nicht vollzählig überliefert, da im Regelfall bei Verlegungen von Patienten die Akte an die aufnehmende Anstalt mitgegeben wurde. Weiterhin sind Fremdprovenienzen enthalten, die zum größten Teil aus der 1935 geräumten Landesheilanstalt Nietleben stammen.

Der Nachweis von Patienten, zu denen keine eigene Patientenakte vorhanden ist, kann vielfach durch die Patientenkarteien und sonstigen Verzeichnisse erfolgen. Patienten können weiterhin mit Hilfe der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein nachgewiesen werden, die über Digitalisate dieser Bücher verfügt.

Als weiterer Überlieferungsschwerpunkt befinden sich im Bestand Personalakten von beschäftigten Ärzten, Pflegern und anderen Angestellten. Mit 409 Akteneinheiten aus dem Zeitraum 1878 bis 1955 ist auch hier von Lücken im Bestand auszugehen.

Zum Verbleib der ursprünglich vorhanden gewesenen Verwaltungsunterlagen liegen bislang keine Informationen vor.




Hinweise für die Benutzung

Es handelt sich bei den Personal- und Krankenakten um personenbezogenes Archivgut, dass nach § 10 Abs. 1 Satz 3 des Sächsischen Archivgesetzes erst zehn Jahre nach dem Tod bzw. hundert Jahre nach der Geburt der betroffenen Person benutzt werden darf. Darüber hinaus ist die Vorlage dieser Archivalien nur nach gesonderter Prüfung im Wege des Antragsverfahrens zur Schutzfristenverkürzung möglich.




Verweise auf korrespondierende Bestände

Für weitere Recherchen befinden sich im Sächsischen Staatsarchiv folgende ergänzende Bestände:

Staatsarchiv Leipzig

20009 Krankenhaus Altscherbitz

22277 Sächsisches Krankenhaus für Psychiatrie und Neurologie Altscherbitz

Hauptstaatsarchiv Dresden

10736 Ministerium des Inneren

Weiterhin kommen folgende Bestände anderer Archive in Frage:

Bundesarchiv
R 179 Kanzlei des Führers, Hauptamt II b "Euthanasiepatientenakten”

(Umfang ca. 30 000 Stück)




Robert Köhler, Dezember 2014

Doreen Wustig, September 2022



[01] Vgl. Hirschinger, Frank: "Zur Ausmerzung freigegeben." Halle und die Landesheilanstalt Altscherbitz 1933 – 1955, Köln 2001, S. 55.
[02] Ebda., S. 42-52.
[03] Ebda., S. 66.
[04] Aly, Götz: Die Belasteten. "Euthanasie" 1939 – 1945. Eine Gesellschaftsgeschichte, Frankfurt am Main, 2. Auflage 2013, S. 42-62.
[05] Vgl. Hirschinger, S. 117.
[06] Vgl. Hirschinger, S. 158.
[07] Ebda., S. 175.
Festschrift 125 Jahre Sächsisches Krankenhaus für Psychiatrie und Neurologie Altscherbitz 1876-2001, hg. vom Krankenhaus
Krankenakten.- Personalakten.- Zugangsbücher.- Namensverzeichnisse.
Die Provinzial-Irrenanstalt Altscherbitz wurde 1876 auf dem ehemaligen Rittergut Altscherbitz als Landesanstalt der Provinz Sachsen gegründet. 1907 erfolgte die Umbenennung in Landesheil- und Pflegeanstalt Altscherbitz, 1923 in Landesheilanstalt Altscherbitz. Nach 1949 erfolgte die Umbildung der Einrichtung zum Krankenhaus für Psychiatrie, das seit 1952 zum Bezirk Leipzig gehörte. 1953 wurde das ehemalige Rittergut endgültig vom Krankenhausbetrieb getrennt.
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