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Beständeübersicht

Bestand

20960 "Haus W. E. Z." Cigarrenfabrik Camenzind & Co, Leipzig

Datierung1907 - 1965
Benutzung im Staatsarchiv Leipzig
Umfang (nur lfm)6,00

Bestand enthält auch 5 Archivalien, die aus rechtlichen Gründen hier nicht angezeigt werden können. Bitte wenden Sie sich im Bedarfsfall direkt an das Staatsarchiv Kontaktformular

Zur Geschichte der "Haus W.E.Z." Cigarrenfabrik Camenzind & Co.

Das Unternehmen geht zurück auf die 1911 gegründete Waren- Ein- und Verkaufs-Zentrale GmbH, [01] seit 1918 Waren- Einkaufszentrale GmbH. Sie diente dem Ein- und Verkauf von Artikeln der Bekleidungs- und Lebensmittelbranche speziell für Stallschweizer. Firmengründer und Direktor war der Schweizer Staatsbürger, Tierzuchtmeister und Rittergutsbesitzer zu Großzschocher Thomas Camenzind (1881-1949), der seit 1899 bei Leipzig lebte und 1909 in Leipzig den Allgemeinen Schweizerbund für Deutschland und angrenzende Staaten e.V. gegründet hatte. Der Allgemeine Schweizerbund war eine Berufsvereinigung der Obermelker und Tierzuchtmeister, der durch Schulen und wissenschaftliche Publikationen auf eine bessere Bildung des Berufsstandes hinwirkte. Thomas Camenzind war Autor mehrerer Bücher. [02] Neben dem eigenen Vereinsgebäude in der Yorkstr. 8 (Leipzig-Gohlis), besaß der Schweizerbund noch ein zweites in Kassel und Zweiggeschäftstellen in den Großstädten Deutschlands. Die Waren- Ein- und Verkaufs-Zentrale GmbH sollte den Mitgliedern des Bundes Vorteile bieten, gute Waren zu vorteilhaften Preisen. [03]

Seit 1917 begann das Unternehmen neben dem Textilhandel auch Tabakspezialgeschäfte zu kaufen. 1924 verlagerte es aus Platzgründen seinen Hauptsitz von der Yorkstr. 8 in die Nähe des Hauptbahnhofes, Tröndlinring 1. [04] Das Hauptgeschäft richtete sich jetzt speziell auf den Vertrieb von Tabakwaren ein. 1925 gehörten zum Unternehmen neben einer Tochterzentrale in Königsberg/Ostpreußen etwa 50 Filialen und es hatte darüber hinaus 40 Verkaufsstellen in Leipzig und zehn außerhalb eröffnet. Die 46 Gesellschafter der Firma waren überwiegend Landwirte und Tierzuchtmeister mit Schweizer Staatsangehörigkeit. Das Stammkapital war von anfangs 20 000 Mark auf 300 000 Reichsmark angewachsen. [05]
Seit der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre gehörte zum Unternehmen auch eine eigene Zigarrenfabrik in Altenburg, südlich von Leipzig, und seit 1933 änderte sich die Firmenbezeichnung in W.E.Z. Cigarren-Fabrik GmbH mit Stammsitz in Leipzig, Ranstädter Steinweg 4. Nunmehr handelte man mit eigenen "W.E.Z.-Zigarren".

Zum 1.1.1937 erfolgte die Umwandlung der GmbH in eine Kommanditgesellschaft unter der Firmenbezeichnung "Haus W.E.Z." Cigarrenfabrik Camenzind & Co., Leipzig. [06] Persönlich haftende Gesellschafter waren neben dem Direktor auf Lebenszeit Thomas Camenzind, sein Sohn Alfred, zugleich Betriebsleiter in Altenburg und sein Schwiegersohn Friedrich Andrist. [07]
Das Unternehmen unterhielt jetzt 92 Verkaufsstellen, davon 31 in Leipzig, hatte 122 Angestellte und 7 Lehrlinge im Hauptgeschäft in Leipzig und 240 Arbeiter und 95 Lehrlinge in der Fabrik in Altenburg. Die Einlagen der 49 Gesellschafter waren auf eine halbe Million Reichsmark angewachsen. [08]

Thomas Camenzind verlegte 1940 seinen Wohnsitz zurück in die Schweiz, [09] wo er 1949 starb. [10] Vor seinem Tod erteilte er im Februar 1949 seinem Sohn Alfred in Altenburg eine Generalvollmacht für das Unternehmen, [11] nach seinem Tod ging die Direktion auf den Sohn Alfred über. Seit November 1950 lebte dieser ebenfalls in der Schweiz, da ihm nach einer besuchsweisen Ausreise die Einreise in die DDR verwehrt wurde. [12] Auch Friedrich Andrist war wegen eines gegen ihn eingeleiteten Wirtschaftsverfahrens Anfang 1949 in die Schweiz geflüchtet. [13] Einzig die beiden Prokuristen des Unternehmens Max Dietrich (Prokurist seit 1912) und Karl Kämmerer (Prokurist seit 1919), beide auch Gesellschafter, befanden sich noch in Leipzig und hatten die Fortführung aller geschäftlichen Belange durch Vollmachten der Kommanditisten übertragen bekommen. [14]

Im Juli 1951 bestellte das Ministerium für Wirtschaft und Arbeit des Landes Sachsen, Rechtsabteilung, Verwaltung und Schutz des ausländischen Eigentums zunächst einen kaufmännischen Angestellten zum Verwalter des Unternehmens. [15] Ende Oktober 1951 wurde dann aber durch das Staatssekretariat für Nahrungs- und Genussmittel die VVB Tabak in Dresden mit der Verwaltung beauftragt und zwar rückwirkend zum 1. Juni 1951. Seit diesem Zeitpunkt ruhten alle Rechte der an dem Unternehmen Beteiligten.
Seit August 1952 wurden unter Bezug auf die Verordnung über die Verwaltung und den Schutz ausländischen Eigentums in der DDR vom 6. Sept. 1951 [16] doch wieder Verwalter beauftragt, zunächst Arthur Fischer, zugleich Betriebsleiter in Leipzig. Das Stammhaus des Unternehmens Ranstädter Steinweg 4, in dem sich der gesamte Verkaufsapparat und das Steuerlager befand, wurde Ende 1952 geschlossen, [17] die Verkaufsstellen an HO und Konsum vermietet. Die Verwaltung der unternehmenseigenen Immobilien wurde dem ehemaligen Prokuristen Max Dietrich übertragen, der 1964 in Ruhestand ging. [18] Nach dem Ausscheiden von Arthur Fischer, übernahm im Januar 1959 Oswin Hess in Altenburg Verwaltung und Betriebsleitung bis zur Schließung der Fabrik zum 30.06.1965. [19] Danach ist im Handelsregister treuhänderische Verwaltung eingetragen, die Löschung der Firma am 27.10.1969 und am 20. Mai 1971 die Aufhebung der Löschung.
1993 wurde die staatliche Verwaltung aufgehoben und durch Verfügung des Amtsgerichts
Leipzig Theo Camenzind-Spoerri aus Luzern/Schweiz zum Liquidator bestellt.

Bestandsgeschichte und -bearbeitung

Die Akten im Umfang von ca. 18,5 lfm sind 1998 von der Vereinigten Zigarettenfabriken Dresden GmbH in Dresden über das Hauptstaatsarchiv Dresden an das Staatsarchiv Leipzig abgegeben worden. Sie waren in einem Ablieferungsverzeichnis von 142 Seiten ohne innere Ordnung notdürftig erfasst, die Akten bis 1945 ebenso auf Karteikarten.

2011 wurde der Bestand geordnet, bewertet, verzeichnet und ein AUGIAS-Findbuch mit Einleitung erstellt. Dabei erfolgte zunächst eine Vorordnung der Akten im Magazin nach Akten aus der Zeit der staatlichen Verwaltung des Unternehmens seit 1951 und Akten aus der Zeit davor. Die Bestandstrennung 1945 wurde damit aufgehoben, weil sie sachlich nicht begründet war. Beide Teile wurden dann über die Archivsoftware AUGIAS-Archiv 8.2 nach der Erschließungsrichtlinie des Sächsischen Staatsarchives verzeichnet und als gesonderte Gliederungspunkte im Findbuch belassen. Im Zuge der Verzeichnung erfolgte die Bewertung und die Aussonderung zur Vernichtung. Insgesamt wurden 12,5 lfm der Vernichtung zugeführt. Abgesehen von Lohnunterlagen, Bestandsaufnahme- und Inventurbüchern sowie Doppelstücken stammten die vernichteten Akten aus der Zeit nach 1951, überwiegend aus den Jahren unmittelbar vor der Betriebsschließung 1965, darunter v. a. Unterlagen des Lohnbüros (Lohn- und Gehaltskonten, Lohnjournale und Lohnbücher), aus dem Produktionsbereich (Bücher von Meistern aus dem Produktionsbereich, z. B. die Erfassung der täglich produzierten Menge der einzelnen Arbeiter), Materialkonten und Journalbücher aus der Buchhaltung, Planausarbeitung und Planerfüllung.
Der Bestand enthält 6 Druckschriften, 49 Fotos sowie 67 Pläne.
Das Findbuch ist mit einem Personenindex versehen.

Überlieferungsschwerpunkte

Zeitlich gesehen erstreckt sich der Bestand über den gesamten Zeitraum des Bestehens des Unternehmens von 1911-1965. Er enthält über diesen Zeitraum hinweg Akten, die Aufschluss über die Rechts- und Vermögensverhältnisse geben: die Jahresendbilanzen, die Gewinn- und Verlustrechnungen, Kauf und Verwaltung der Immobilien, die Steuer- und Devisenakten der Familie Camenzind und der anderer Anteilseigner. Diese Unterlagen, die die Zerschlagung eines so erfolgreichen ausländischen Unternehmens in der DDR dokumentieren, dürften von der Überlieferung her recht selten sein.

Darüber hinaus sind zwei Dinge besonders hervorzuheben: zum einen die Überlieferung zum Allgemeinen Schweizerbund für Deutschland und angrenzende Staaten e.V. (Korrespondenzbände von Thomas Camenzind als Begründer und 1. Vorsitzender, eingereichte diesbezügliche Patente), zum anderen die Fotos, z. B. eine Serie von Innenansichten der Altenburger Fabrik um 1930.

Hinweise für die Benutzung

Die Steuerakten der Enkelkinder des Thomas Camenzind (Findbuch-Klassifikation 4.3.2) sind aus datenschutzrechtlichen Gründen nach § 10 Abs. 1 Satz 3 des Sächsischen Archivgesetzes bis 100 Jahre nach der Geburt bzw. 10 Jahre nach dem Tod derjenigen gesperrt. Diese und weitere personenbezogene Akten sind im Findmittel nicht ausgewiesen, ihre Vorlage ist nur nach Verkürzung der Schutzfristen möglich.


Verweise auf korrespondierende Bestände

Hauptstaatsarchiv Dresden (HStA-D)
11549 - VVB (Z) Tabak, Dresden. Datierung: 1945 - 1954.
11585 - VVB / Kombinat Tabak Berlin / Dresden. Datierung: 1945 - 1985.
11686 - VEB Tabak- und Industriemaschinen (TABAKUNI) Dresden. Datierung: 1946 - 1971. 11788 - VEB Tabakkontor Dresden. Datierung: 1958 - 1991.

Dolores Herrmann

Januar 2012

[01] Eintragung in das Handelsregister Leipzig erfolgte 1912 unter HR 15424. Die Handelsregisterakte ist archiviert unter Sächsisches Staatsarchiv – Staatsarchiv Leipzig (im Folgenden: StA-L), 20124 Amtsgericht Leipzig, HR 28664.
[02] Z.B. Lehr- und Handbuch der Rindviehzucht und –pflege, 20. Auflage 1943, Geburten im Stall, 8. Auflage (Nachdruck) 1972. Er war später auch Mitinhaber der Deutschen Tierzucht- Verlags- und Handelsgesellschaft Andrist & Co. sowie des Niekammer-Verlages.
[03] StA-L, 20960 "Haus W.E.Z." Cigarrenfabrik Camenzind & Co., Leipzig, Nr. 179: Auskünfte der Firma an eine Auskunftei.
[04] Ebenda, Nr. 177: Glückwunschschreiben zum Umzug der Waren- Einkaufszentrale GmbH am 18. 02.1924.
[05] Ebenda, Nr. 179: Auskünfte der Firma an eine Auskunftei.
[06] Im Handelsregister jetzt unter HR 28664 eingetragen, später umgeschrieben auf HRA 4809.
[07] Kommanditgesellschaftsvertrag vom 27.12.1936 in: StAL, 20960 "Haus W.E.Z." Cigarrenfabrik Camenzind & Co., Leipzig Nr. 49.
[08] Ebenda, Nr. 78: Unterlagen zur Gesellschafterjahresversammlung zum Geschäftsjahr 1936/1937 am 5. Dez. 1937.
[09] Ebenda, Nr. 108: Steuerakte Thomas Camenzind.
[10] Ebenda, Nr. 13: Erbschaftssteuer und Nachlass Thomas Camenzind.
[11] Ebenda, Nr. 34: Vollmachten der Firma.
[12] Siehe dazu das Schreiben des ersten eingesetzten Verwalters an das Ministerium für Wirtschaft und Arbeit, in: Ebenda, Nr. 46: Korrespondenz mit dem Ministerium.
[13] Ebenda, Nr. 73: Wirtschaftsverfahren gegen Friedrich Andrist.
[14] Ebenda, Nr. 34: Vollmachten der Firma.
[15] Vgl. auch im folgenden StA-L, AG Leipzig, HRA 4809 (digitalisierter Registerauszug) von 1939 bis 1993.
[16] GBL der DDR 1951/II, S. 839.
[17] Vgl. dazu StA-L, 20960 "Haus W.E.Z." Cigarrenfabrik Camenzind & Co., Leipzig, Nr. 135. In der Akte befindet sich ein "Verzeichnis der Geschäftsunterlagen aus der Zentrale, die bei Schließung im Januar 1953 nach Altenburg gegeben worden sind".
[18] Ebenda, Nr. 255.
[19] Ebenda, Nr. 287: Einstellung der Produktion und Schließung des Betriebes zum 30.6.1965.
Vermögensverhältnisse.- Recht.- Bilanzen.- Gesellschafterversammlungen und Jahresabschlüsse.- Korrespondenz Thomas Camenzind als Vorsitzender des Schweizerbundes.
Das Unternehmen geht zurück auf die 1911 gegründete Waren- Ein- und Verkaufs-Zentrale GmbH, die ursprünglich für Mitglieder des Allgemeinen Schweizerbundes für Deutschland und angrenzenden Staaten e. V., Leipzig, (Melker und Tierzüchter) vorteilhaft Bekleidung und Lebensmittel ein- und verkaufte. Seit den zwanziger Jahren unterhielt das Unternehmen neben einer Tochterzentrale in Königsberg/Ostpreußen 50 Filialen und eröffnete eine eigene Zigarrenfabrik in Altenburg bei Leipzig. Es vertrieb jetzt vor allem "W. E. Z."-Zigarren aus eigener Produktion. Die 46 Gesellschafter der Firma waren überwiegend Landwirte und Tierzuchtmeister mit schweizer Staatsangehörigkeit. Seit 1933 hieß das Unternehmen W. E. Z. Cigarren-Fabrik GmbH, Leipzig, seit 1937 nach Umwandlung in eine Kommanditgesellschaft "Haus W. E. Z." Cigarrenfabrik Camenzind & Co., Leipzig.
Seit 1951 erfolgte die staatliche Verwaltung auf Grundlage der Verordnung über die Verwaltung und den Schutz ausländischen Eigentums in der DDR vom 6. September 1951. Alle Rechte der an dem Unternehmen Beteiligten ruhten. Die Zentrale in Leipzig wurde 1952 geschlossen, die Altenburger Zigarrenfabrik 1965. 1993 hob das Amtsgericht Leipzig die staatliche Verwaltung auf und bestellte einen Liquidator.
  • 2011 | Findbuch / Datenbank
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