Hauptinhalt

Beständeübersicht

Bestand

21824 Nachlass Alice und Hans Seiffert

Datierung1836 - 1976
Benutzung im Staatsarchiv Leipzig
Umfang (nur lfm)0,60
Zur Biografie von Alice und Hans Seiffert

Alice und Hans Seiffert, ein deutsches Schriftstellerehepaar, leisteten auf dem Gebiet der Literaturübersetzungen einen bedeutenden Beitrag in der Kulturgeschichte der DDR. Den größeren Anteil an der Übersetzertätigkeit trug Alice Seiffert, wobei die französische Belletristik im Vordergrund ihrer Arbeit stand. Daneben widmete sie sich aber auch der englischen und spanischen Literatur. Hans Seiffert schrieb für Zeitschriften und Tageszeitungen satirische Kritiken, Beiträge und auch viele seiner Gedichte wurden veröffentlicht. Beide waren freiberuflich tätig.
Alice Cohn wurde am 26. August 1897 in Leipzig geboren.[01] Ihr Vater David Cohn und ihre Mutter Gertrud Cohn geb. Prochownik wurden aufgrund ihrer jüdischer Herkunft in das KZ Theresienstadt verschleppt und sind dort beide umgekommen.[02] Sie hatte zwei Brüder. Dr. Kurt Cohn wohnte in Berlin und Alfred Cohn lebte mit seiner Frau Else und seinen beiden Töchtern Eva und Ilse in Teheran, Iran.[03] Ein enges Verhältnis bestand auch zu ihrem Onkel Dr. Max Prochownik, der später in einem Altersheim in Nathania, Israel, wohnte.[04] Genauere Lebensdaten sind anhand der Überlieferung nicht zu ermitteln gewesen.
Nach Abschluss des Abiturs studierte sie in Leipzig und München Medizin. Da der Beruf der Ärztin ihren Neigungen nicht entsprach, widmete sie sich der Kunst- und Sprachwissenschaft und wurde Übersetzerin. Erste Übersetzungsversuche unternahm sie, inzwischen mit Hans Seiffert seit 1923 verheiratet,[05] Ende der zwanziger Jahre mit Maupassant und Merimée für Zeitschriften. Das erste Buch, Daudets "Tatarin von Tarascou", welches sie mit Hans Seiffert übersetzte, erschien 1950. Darauf übersetzten sie Werke wie Balzacs Novelle "Goseck", Daudets "Briefe aus meiner Mühle", Merimées Novelle "Carmen", Beaumarchais Komödie "Figaros Hochzeit oder Der tolle Tag", Balzacs "Oberst Chabert" von 1953, Casterets "Geheimnisvolle Höhlenwelt", "Sämtliche Märchen und Erzählungen" Oscar Wildes von 1965, Merimées Roman "Columba", an deren Übersetzungen Hans Seiffert nur teilweise mitarbeitete.[06] Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit übersetzte Alice Seiffert Erzählungen für verschiedene Verlage, so u. a. für die Dietrich'sche Verlagsbuchhandlung Leipzig "Pandora" und "Schraubendrehungen" von Henry James.[07]
Heinrich Adolf Hans Seiffert wurde am 17. Januar 1898 in Magdeburg geboren.[08] Seine Eltern kamen bei einem Fliegerangriff in Breslau ums Leben.[09] Nach Beendigung des Abiturs 1919 erlernte Hans Seiffert den Beruf eines Lehrers.[10] In der Zeit von 1927 bis 1932 war er als ständiger Mitarbeiter am "Simplicissimus" und "Jugend" mit Gedichten und Prosa tätig. In diesen Jahren schrieb er Geschichten, Gedichte und Hörspiele für Zeitungen und für den Rundfunk. 1946 arbeitete Hans Seiffert als Lokalredakteur bei der Leipziger Verlagsgesellschaft mbH.[11] 1957 war er Mitbegründer des ersten Kabaretts "Die Rampe" in Leipzig und schrieb für dieses auch Stücke.[12]
Während der Zeit des Nationalsozialismus hatten Alice und Hans Seiffert Berufsverbot.[13] Hans Seiffert wurde 1938 aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen.[14] Da Alice Seiffert Jüdin war, wurden beide rassisch verfolgt. Alice Seiffert trat 1940 aus der jüdischen Religionsgemeinde aus.[15] Im Februar 1945 wurde sie ins KZ Theresienstadt verschleppt. In der jüdischen Selbstverwaltung arbeitete sie erst als Bibliothekarin und später als Schreibkraft in der Kanzlei des Bezirksoberarztes.[16] Erst am 21. Juni 1945 wurde sie aus dem KZ entlassen. Hans Seiffert wurde 1944 als Hilfsarbeiter bei der Organisation Todt nach Osterode verpflichtet.[17]
Aufgrund der Verfolgung durch den Nationalsozialismus konnte dem Ehepaar Seiffert 1951 die Anerkennung als Verfolgte des Naziregimes zugesprochen werden.[18] Nach dem Tode ihres Mannes wurde Alice Seiffert als Verfolgte des Naziregimes – Hinterbliebene (VdN) anerkannt.[19]
Im Dezember 1943 wurde die Wohnung der beiden in der Leipziger Humboldtstr. 20 durch einen Bombenangriff zerstört. Ab 1944 wohnten sie in der Leipziger Wettinerstr. 3, wo sie nach Ende des Krieges ihre schriftstellerische Tätigkeit wieder aufnahmen. Beide gehörten nach Gründung 1952 dem Deutschen Schriftsteller Verband an.[20] Alice Seiffert war innerhalb des Verbandes in der Sektion Übersetzer tätig und beteiligte sich hier an Übersetzerwettbewerben. Als Anerkennung für die Übersetzung von Beaumarchais "Figaros Hochzeit oder Der tolle Tag" wurden beide gemeinsam 1956 mit der Urkunde des Ministeriums der Kultur der DDR ausgezeichnet.[21]
Im Alter von 66 Jahren starb Hans Seiffert am 24. Juli 1964 in Leipzig.[22] Nach seinem Tode übersetzte Alice Seiffert nur noch Kurzgeschichten und vereinzelte Texte und starb mit 79 Jahren am 17. März 1976 ebenfalls in Leipzig.

Bestandsgeschichte und -bearbeitung

Der Bestand wurde dem Staatsarchiv Leipzig im Jahre 1976 von der Nachlasspflegerin Frau Edelgard Koch übergeben und umfasst 0,6 lfm. Durch den Bombenangriff auf Leipzig im Dezember 1943 wurde auch die Wohnung des Schriftstellerehepaares Seiffert zerstört und somit ein großer Teil der Dokumente vernichtet. Deshalb kann nur von einer fragmentarischen Überlieferungslage gesprochen werden. Es kann aber eingeschätzt werden, dass die 77 Akteneinheiten das Leben und Wirken Alice und Hans Seifferts entsprechend ihrer Bedeutung dokumentieren.
Der zeitliche Umfang des Nachlasses erstreckt sich über die Jahre 1897 bis 1898, 1904 bis 1919, 1926, 1930 bis 1976. Der Schwerpunkt der Überlieferung liegt in den Jahren 1944 bis 1962, bei den persönlichen Dokumenten bei 1897 bis 1926.
Die innere Ordnung, in nummerischer Folge, die mit der Lagerung übereinstimmt, wurde auf der Grundlage von Beiträgen aus der Fachliteratur, die sich speziell mit Ordnungsproblemen beschäftigen, hergestellt.
Der Bestand wurde 1982 im Rahmen der Ausbildung von zwei Auszubildenden erschlossen. 1983 erfolgte eine Revision des Bestandes. 2014 wurde das Findbuch durch die Praktikantin S. Rother in die Erschließungsdatenbank übertragen und bearbeitet. Dabei wurden neue Systematikgruppen festgelegt und vereinzelt Zeitangaben korrigiert. Die Findbucheinleitung wurde geringfügig überarbeitet und aktualisiert.

Überlieferungsschwerpunkte

Der Bestand lässt sich thematisch in fünf Teile untergliedern. Den ersten und größten Teil der Überlieferung bilden die persönlichen Lebensumstände. Diese Gruppe umfasst die persönlichen Dokumente von Alice und Hans Seiffert. Den wesentlichsten Anteil tragen dabei Ausweise und Mitgliedschaften. Auch werden die sozialen Verhältnisse von Alice und Hans Seiffert durch Rechnungen und Quittungen dargestellt. Wichtige biographische Daten werden durch Geburtsurkunden, Tauf- und Trauscheine dokumentiert, aber auch Geburts- und Sterbeurkunden der Eltern sind überliefert. Ein weiterer Schwerpunkt ist Verfolgung im Nationalsozialismus dargelegt. Die Dokumente verdeutlichen Geschehnisse, von denen Alice und Hans Seiffert selbst betroffen waren.
Die geistig-kulturelle Betätigung von Alice und Hans Seiffert wird durch Manuskripte und Presseveröffentlichungen eigener Arbeiten und Übersetzungen widergespiegelt. Aus ihrer schriftstellerischen Tätigkeit sind vor allem Übersetzungen französischer, englischer und spanischer Literatur hervorgegangen. Weiterhin befinden sich persönliche Briefe und geschäftlich-berufliche Briefe in der Überlieferung. Der private Schriftwechsel zwischen dem Ehepaar Seiffert gibt einen Einblick in die Beziehung der beiden zueinander. Daneben existieren aber auch rein geschäftliche Briefe.
Der letzte Teil der Überlieferung umfasst Fotos und Zeichnungen, welcher sich jedoch nur auf ein Porträt des Schriftstellers Hans Seiffert, Fotos von Klassentreffen Alice Seifferts und Arbeitsbesprechungen Hans Seifferts beschränkt

Hinweise zur Benutzung

Bei der Bestellung und Zitierung ist anzugeben: StA-L, 21824, Nachlass Alice und Hans Seiffert, Nr. (fettgedruckte Zahl).

Korrespondierende Bestände

Bestand 20237 Bezirkstag und Rat des Bezirkes Leipzig, VdN-Akte für Alice Seiffert 1945 bis 1976, Nr. 15180 mit Angaben zum Ehemann Hans Seiffert und mit 5 Fotos.

Bestand 21097 Gustav Kiepenheuer Verlag und Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung, Autorenkorrespondenz mit Alice und Hans Seiffert 1953 bis 1975, Nr. 1322.

B. Kwiatkowski und U. Schlicke
1982

S. Rother
2014


[01] NL Alice und Hans Seiffert, Nr. 2
[02] Ebd., Nr. 6
[03] Ebd., Nr. 66 und 70
[04] Ebd., Nr. 71
[05] Ebd., Nr. 2
[06] Ebd., Nr. 42, 50, 51 und 56
[07] Ebd., Nr. 49
[08] Ebd., Nr. 2
[09] Ebd., Nr. 5
[10] Ebd., Nr. 4
[11] Ebd., Nr. 14
[12] Ebd., Nr. 48
[13] Ebd., Nr. 28
[14] Ebd., Nr. 28
[15] Ebd., Nr. 30
[16] Ebd., Nr. 35
[17] Ebd., Nr. 32
[18] Ebd., Nr. 39
[19] Ebd., Nr. 40
[20] Ebd., Nr. 19
[21] Ebd., Nr. 8
[22] Ebd., Nr. 9
Persönliche Dokumente und Briefe von Alice und Hans Seiffert.- Zahlungsmittel der jüdischen Selbstverwaltung Theresienstadt.- Briefe aus dem KZ.- Manuskripte und Presseveröffentlichungen eigener Arbeiten und Übersetzungen französischer, englischer und spanischer Literatur.- Briefverkehr mit Max Prochownik in Israel.- Porträtzeichnung von Hans Seiffert.- Fotos, vor allem von Feiern der Abiturklasse von 1917 der Städtischen Studien-Anstalt Leipzig.
Alice Seiffert (1897 - 1976), geborene Cohn, war jüdischer Herkunft. Sie und ihr Mann, Hans Seiffert (1898 - 1964), wurden im Dritten Reich verfolgt. 1951 wurde dem Ehepaar die Anerkennung als Verfolgte des Nationalsozialismus zugesprochen. In der DDR arbeiteten beide freiberuflich an Übersetzungen, vor allem von französischer Belletristik, und waren Mitglieder im Schriftstellerverband. Hans Seiffert gehörte zu den Mitbegründern des ersten Leipziger Kabaretts nach 1945, "Die Rampe".
  • 2015 | Findbuch / Datenbank
  • 2020-06-16 | Diese Ausgabe über AWAX 2.0.1.0
Sitemap-XML zurück zum Seitenanfang